Marktbericht 2. Quartal 2012

MarktberichtNachdem das erste Quartal von einer vorüber­gehenden Entspannung an den Kapitalmärk­ten geprägt war, kehrten im zweiten Quartal die Sorgen um die europäische Staatsschul­denkrise und die Konjunkturentwicklung zu­rück. Die Aktienindizes gaben einen Teil ihrer Gewinne aus dem ersten Quartal wieder ab – manche mehr, manche weniger. Im Zentrum der Euro-Staatsschuldenkrise stand jetzt Spa­nien, dessen Banken nur mit Milliardenhilfe zu retten sind.

Die europäische Schuldenkrise

Die Schuldenkrise in Europa war schon zu Be­ginn des zweiten Quartals wieder das beherr­schende Thema an den Kapitalmärkten. Nach Griechenland rückte nun Spanien in den Mit­telpunkt der Aufmerksamkeit. Nach dem Bau­boom vergangener Jahre war dort die Immobi­lienblase schon vor einiger Zeit geplatzt und hatte die anhaltende Wirtschaftskrise ausge­löst. Spanische Banken müssen Milliardenbe­träge abschreiben, die sie als Kredite für den Bau von Immobilien vergeben haben. Ein Zu­sammenbruch spanischer Banken würde die Krise noch verschärfen; der spanische Staat hat aber selbst kaum noch finanziellen Spiel­raum für Hilfen. Deshalb wurde Spaniens Qua­lität als Kreditnehmer international schlechter benotet: Im April erfolgten Herabstufungen der Bonität Spaniens durch Rating-Agenturen. Vor diesem Hintergrund setzten Spanien und Itali­en, dessen Banken auch Hilfe benötigen, auf dem 19. Gipfeltreffen der europäischen Staats- und Regierungschefs seit Ausbruch der Schul­denkrise Ende Juni eine Änderung am Vertrag zur Gründung des „Europäischen Stabilitäts­mechanismus“ (ESM) durch. Danach kann der ESM nicht nur seinen Mitgliedsstaaten, son­dern auch direkt deren Banken finanzielle Hil­fen in Milliardenhöhe zur Verfügung stellen. Im indirekten Fall wären die Hilfskredite in den je­weiligen Staatshaushalten verbucht worden mit der Folge, dass sich die Empfängerländer härteren Sparmaßnahmen unterwerfen müssten.

Der Ausgang der Wahlen in Frankreich führte zu einer zunehmenden Isolation Deutsch­lands: Unter Präsident Sarkozy hatte Frank­reich seine schon vor der Euro-Einführung ein­geschlagene Politik einer Orientierung am Hart-Währungs-Block um die Deutsche Mark fortgesetzt, so dass Frankreich und Deutsch­land als größte Euro-Volkswirtschaften das Krisenmanagement prägten. Nach dem Wahl­sieg des Sozialisten Hollande schlug sich Frankreich jetzt umgehend auf die Seite der südeuropäischen Länder, womit sich Deutsch­land als mit Abstand stärkste Volkswirtschaft der Euro-Zone zunehmendem Druck für mehr gemeinschaftliche Haftung ausgesetzt sieht. Die dazu wiederholten Forderungen nach Euro-Bonds konnte die deutsche Regierung unter Kanzlerin Merkel bislang immer wieder zurückweisen.

Aktienmärkte

Im April und Mai gaben die meisten Aktien­märkte einen Großteil ihrer Gewinne aus dem ersten Quartal wieder ab. Ein Grund dafür war die Euro-Schuldenkrise, die vor allem in Euro­land selbst wieder Anlass zum Aktienverkauf gab. Der DJ-Euro-Stoxx-50 verlor im April und Mai 14,4 Prozent. Vom Hoch im März bei 2.611 bis zum Tief Anfang Juni bei 2.050 er­rechnet sich sogar ein Minus von 21,5 Pro­zent. Doch im Juni erholten sich die Aktien­märkte. Insbesondere der auf dem Gipfeltref­fen am Monatsende beschlossene Zugang für Euro-Banken zu Rettungsgeldern des ESM wurde positiv aufgenommen. Der Euro-Stoxx-50 beendete das Quartal bei 2.264,7 mit ei­nem Minus von 8,6 Prozent. Der DAX verlor im gleichen Zeitraum 7,6 Prozent auf 6.416,3. Zwar war die Konjunkturentwicklung in Deutschland bis zuletzt deutlich besser als im übrigen Europa; Auswirkungen der Krise dürf­ten sich in den kommenden Monaten aber auch hierzulande bemerkbar machen.

Außerhalb der Euro-Zone hielten sich die meisten Aktienmärkte besser. So verlor der gesamt- (west-) europäische Stoxx-50-Index im zweiten Quartal nur 3,2 Prozent (auf 2.381 Punkte). Der Londoner Aktienindex FTSE-100 sank in diesem Zeitraum 3,4 Prozent, der Züri­cher Swiss Market Index nur 2,7 Prozent.

Auch in Übersee galt die Aufmerksamkeit der Börsen vor allem der Euro-Schuldenkrise und einer möglichen Abschwächung der Weltkon­junktur, zumal sowohl die amerikanische als auch die chinesische Wirtschaftsentwicklung Schwächen zeigten. Der Dow Jones Industrial Average beendete das zweite Quartal mit ei­nem Rückgang um 2,5 Prozent auf 12.880. Der japanische Nikkei-225-Index verlor sogar 10,7 Prozent. Die Volkswirtschaft hat zwar die unmittelbaren Folgen der Tsunami- und Fukus­hima-Katastrophe vom März vergangenen Jahres relativ gut verkraftet, die Aufwertung des japanischen Yen und die schwächere Weltkonjunktur belasten aber die japanische Exportwirtschaft. Zudem waren die Aktienkur­se im ersten Quartal auch stark gestiegen, so dass nur diese Kursgewinne wieder verloren gingen. Dank steigender Aktienkurse im Juni steht der Nikkei-255 Mitte des Jahres mit 9.006,8 sogar 6,5 Prozent höher als bei Jah­resbeginn.

Renten, Zinsen, Währungen und Rohstoffe

Die wieder aufflammende Angst vor einer Es­kalation der Euro-Staatsschuldenkrise begrün­dete wieder eine Flucht in vermeintlich sichere Anleihen – zumindest bis Mai. Zunächst stie­gen die Kurse US-amerikanischer und deut­scher Staatsanleihen auf Rekordhöhen. Ende Mai war die Rendite zehnjähriger US-Anleihen dadurch auf 1,61 Prozent gesunken, die Ver­zinsung entsprechender deutscher Papiere auf nur 1,39 Prozent. Der Bund-Future, der Terminkontrakt für deutsche Staatsanleihen, erreichte zum Monatswechsel Mai / Juni einen historischen Rekordwert bei 146,89. Im Juni führte dann allerdings die Sorge davor, dass auch die deutsche Bonität unter der Krise leiden dürfte, zu deutlichen Kursverlusten bei Bundesanleihen: Der Bund-Future beendete die erste Jahreshälfte bei 140,90.

Auch an den Devisenmärkten machte sich die Rückkehr der Euro-Staatsschuldenkrise be­merkbar: Die europäische Gemeinschaftswäh­rung verlor gegen die meisten Währungen, darunter den US-Dollar und den japanischen Yen. Mitte des Jahres kostete ein Euro 1,266 US-Dollar, Ende März noch 1,334 Dollar. Da­mit setzte sich der seit Herbst 2011 bestehen­de mittelfristige Abwärtstrend des Euro fort. In Euro rechnenden Anlegern bescherte das bei Investments außerhalb des Euro-Raumes mit­hin Währungsgewinne.

Die Rohstoffpreise, die im ersten Quartal in Er­wartung einer besseren Weltkonjunktur gestie­gen waren, legten mit den zurückkehrenden Sorgen den Rückwärtsgang ein. Ein Barrel der nordeuropäischen Ölsorte Brent verbilligte sich von einem Mehrjahreshoch bei knapp 127 Dol­lar kommend bis unter 90 Dollar und erholte sich erst in den letzten Tagen des ersten Halb­jahres auf 97,40 Dollar. Der Goldpreis pendel­te im April zunächst in einer engen Bandbreite zwischen 1.620 und 1.680 Dollar seitwärts, sackte im Mai bis 1.526 Dollar pro Unze ab, um dann in der vergrößerten Bandbreite zu pendeln. Zur Jahresmitte kostete eine Unze Gold 1.598 Dollar oder 1.262 Euro.

Ausblick

Das im Laufe des ersten Quartals von den Märkten vorübergehend deutlich kleiner einge­schätzte Risiko eines Zusammenbruchs des Banken- oder Währungssystems, wurde im April und Mai wieder stärker in die Börsenkur­se „eingepreist“. Wir erachten einen Zusam­menbruch des Euro oder einer europäischen Großbank aber weiterhin als unwahrschein­lich, weil inzwischen nicht nur ein weitreichen­des Instrumentarium an Gegenmaßnahmen institutionalisiert wurde (u.a. EFSF und ESM), sondern auch weil diese Hilfsmaßnahmen in der Praxis erfolgreich eingesetzt bzw. getestet wurden. Erfolg oder Misserfolg des neuen Eu­ropäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) sind von der Härte der Auflagen, ihrer Kontrol­le und Durchsetzung in der Praxis abhängig. Es steht zu befürchten, dass nach dem politi­schen Wechsel in Frankreich, Deutsch­land al­leine seinen europäischen Freunden nicht die eigentlich notwendige Disziplin abver­langen kann. Die schmerzhafte, aber notwen­dige Be­seitigung der strukturellen Ursachen für die Verschuldungskrise in vielen Ländern der Euro-Zone wird deshalb wahrscheinlich weiter verschleppt.

Im Gegensatz zur Mehrheit des „Börsengurus“ wurde an dieser Stelle kein Anstieg, sondern sogar ein Rückgang der Inflation in diesem Jahr prognostiziert – und zwar für alle wichti­gen Wirtschaftsräume (USA, Europa, Asien). Auch diese Prognose behält Gültigkeit.

Unser Basisszenario für 2012 geht weiterhin davon aus, dass die Weltwirtschaft insgesamt keine Rezession erlebt, insgesamt aber weni­ger wächst als in den beiden Vorjahren. Offen­sichtlich ist auch, dass einzelne Länder, insbe­sondere solche, die trotz struktureller Schwä­chen sparen müssen, eine Rezession durch­leiden. Es war und bleibt zu erwarten, dass von dort im Jahresverlauf Risiken für die Kapi­talmärkte ausgehen. (Vor drei Monaten war an dieser Stelle explizit Spanien als Quelle sol­cher Risiken genannt worden.)

Für China behält unser Szenario eines „soft landing“ Gültigkeit. Die an dieser Stelle pro­gnostizierten Schritte einer geldpolitischen Lo­ckerung sind tatsächlich im zweiten Quartal begonnen worden: Nach einer Senkung der Mindestreservesätze für Banken wurde auch der Leitzins gesenkt. Die Baisse der chinesi­schen Aktienmärkte sollte sich damit ihrem Ende nähern. Die Analyse der mittelfristigen Trends zeigt allerdings noch keine Wende nach oben.

Der Verbesserung des mittelfristigen Bildes an den Aktienmärkten im ersten Quartal wurde an dieser Stelle kein dauerhafter Bestand prognos­tiziert. Tat­sächlich sind die Kursgewin­ne des ersten Quartals mehr oder weniger wieder abgegeben worden. Die mittelfristige Trendindikation signalisiert gegenwär­tig eine trendlose Phase. Auch die fundamentale Ana­lyse lässt eine anhaltende Pendelbewegung erwarten, denn einerseits lässt die günstige Be­wertung vieler Aktien (beispielsweise am Kurs / Buchwert – Verhältnis gemessen) kaum von die­sem Niveau aus eine neue Baisse zu, andererseits dürfte der Zenit der Gewinnent­wicklung bei den Unternehmen zunächst er­reicht bzw. überschritten sein. Ohne Unterstüt­zung von der Gewinnseite dürfte zunächst kei­ne tragfähige Hausse möglich sein.

Hinweis: dieser Marktbericht ist eine unverbindliche Information ohne Gewähr. Vor konkreten Anlageentscheidungen sollte unbedingt fachlicher Rat bezogen auf die individuelle Situation des Anlegers eingeholt werden!

Ihr
Berndt Schlemann

Dr. Schlemann unabhängige Finanzberatung Köln
Ihr unabhängiger Finanzberater, Versicherungsmakler und Anlageberater in Köln

http://www.schlemann.com

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.