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Wie generiert ein Versorgungswerk Verluste in Milliardenhöhe? Ein Büroturm in San Francisco, Luxushotels in Berlin, eine Garnelenzucht: Was nach einem bunt gemischten Risikoportfolio eines Hedgefonds klingt, findet sich in den Bilanzen deutscher Versorgungswerke.

Immer häufiger müssen die berufsständischen Rentenkassen von Ärzten, Zahnärzten, Apothekern und Rechtsanwälten hohe Beträge abschreiben. Wie die WirtschaftsWoche unter Berufung auf eine Analyse von Metzler Ratings berichtet, sind die Verluste der Versorgungswerke kein Einzelfall, sondern haben System.

Wir ordnen ein, was hinter den Anlageflops steckt, was sie für Ihre Rente bedeuten und wie Sie als Mitglied reagieren sollten. Grundlegendes zur berufsständischen Versorgung finden Sie auf unserer Seite Versorgungswerk für Kammerberufe.

Das Versorgungswerk ist ein gutes Fundament, aber kein rundum-sorglos-Paket. Wer seine gesamte Altersvorsorge auf eine Karte setzt, muss ab 67 den Gürtel möglicherweise enger schnüren.

Felix Czekalla
Das Wichtigste in Kürze
  • Die rund 90 Versorgungswerke in Deutschland verwalten für etwa 1,2 Millionen Mitglieder rund 300 Milliarden EUR. Mehrere von ihnen mussten zuletzt dreistellige Millionenbeträge abschreiben.

  • Extremfall: Beim Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) sind rund 1,1 Milliarden EUR und damit etwa die Hälfte des Vermögens verloren. Den rund 11.000 Mitgliedern drohen Rentenkürzungen und höhere Beiträge.

  • Hauptursachen: riskante Immobilienprojekte nach der Zinswende, komplexe Anlagen ohne ausreichende Kapitalmarktexpertise, Interessenkonflikte und mangelnde Transparenz.

  • Renten aus dem Versorgungswerk sind nicht garantiert. Aussteigen können Pflichtmitglieder trotzdem nicht.

  • Unsere Empfehlung: keine freiwilligen Mehreinzahlungen ins Versorgungswerk, sondern eine breit gestreute private Altersvorsorge, z.B. im Depot oder mit Immobilien.

Die größten Anlageflops der Versorgungswerke im Überblick

Versorgungswerke sollen die Pflichtbeiträge ihrer Mitglieder sicher und rentabel anlegen. Für viele Freiberufler ersetzt die Rente aus dem Versorgungswerk die gesetzliche Rente vollständig. Umso schwerer wiegen die Fehlschläge der vergangenen Jahre:

VersorgungswerkInvestmentVerlust bzw. Wertberichtigung
Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB)Luxushotels, Start-ups, Unternehmensbeteiligungen, Garnelenzuchtrund 1,1 Mrd. EUR (ca. 50% des Vermögens)
Bayerische Versorgungskammer (BVK)US-Immobilien, u.a. Transamerica Pyramidrund 288 Mio. EUR wertberichtigt, Verlustpotenzial insgesamt bis zu 853 Mio. EUR
Versorgungswerk der Rechtsanwälte im Lande HessenTransamerica Pyramid, San Franciscorund 58 Mio. EUR (Totalabschreibung)
Apothekerversorgung Schleswig-HolsteinKapitalanlagen u.a. Immobilien54,9 Mio. EUR außerplanmäßige Abschreibungen (2023) bei rund 800 Mio. EUR Kapitalanlagen
Rund 50 Versorgungswerke und KirchenkreiseVerius-Finanzierungsfonds für ImmobilienprojekteFonds aufgelöst, Millionenverluste
Ausgewählte Investmentflops von Versorgungswerken (Quellen: WirtschaftsWoche, Bayerische Versorgungskammer, Pharmazeutische Zeitung, apotheke adhoc; Stand Oktober 2026)

Berliner Zahnärzte: über eine Milliarde Euro Verlust, Hälfte des Vermögens weg

Der spektakulärste Fall ist das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB), zuständig für Zahnärztinnen und Zahnärzte in Berlin, Brandenburg und Bremen. Ab 2013 beteiligte sich das VZB an rund zwei Dutzend Start-ups und Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen, investierte in Luxushotels und sogar in eine Garnelenzucht. Laut Pharmazeutischer Zeitung hat das Versorgungswerk Verluste von rund 1,1 Milliarden EUR offengelegt – bei einem früheren Anlagevermögen von 2,2 Milliarden EUR.

Die Folgen tragen die Mitglieder: Die neue Führung hat bereits höhere Monatsbeiträge angekündigt, zusätzlich drohen Rentenkürzungen von mehreren Hundert Euro im Monat. Das VZB hat inzwischen eine umfangreiche Schadenersatzklage unter anderem gegen das Land Berlin als Aufsichtsbehörde, den Wirtschaftsprüfer, die Apobank und den früheren Vorsitzenden des Verwaltungsausschusses eingereicht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Bayerische Versorgungskammer und hessische Anwälte: US-Immobilien als Millionengrab

Die Bayerische Versorgungskammer (BVK) führt die Geschäfte von zwölf Versorgungseinrichtungen, darunter die Bayerische Ärzteversorgung, die Bayerische Apothekerversorgung und die Bayerische Rechtsanwalts- und Steuerberaterversorgung. Sie hat rund 1,6 Milliarden EUR in US-Immobilienprojekte investiert, vermittelt über die Deutsche Finance und entwickelt vom New Yorker Unternehmen SHVO. Nach eigenen Angaben hat die BVK bis Ende November 2025 rund 288 Millionen EUR wertberichtigt, das gesamte Verlustpotenzial beziffert sie auf bis zu 853 Millionen EUR (siehe Informationsseite der BVK). Externe Prüfer stellten eine zu große Nähe der Entscheider zu den Anbietern fest, die BVK bestätigte 2025 Compliance-Verstöße.

Im selben Projekt rund um die Transamerica Pyramid in San Francisco steckte auch das Versorgungswerk der Rechtsanwälte im Lande Hessen. Es rechnet mit einer vollständigen Abschreibung von rund 58 Millionen EUR. Gemessen am gesamten Anlagekapital sind das weniger als 1%, die zugesagten Leistungen sollen laut Versorgungswerk unverändert bleiben.

Kein Einzelfall: Apotheker, Verius-Fonds und Co.

Auch andere Versorgungswerke mussten in den vergangenen Jahren außerplanmäßig abschreiben, darunter die Apothekerversorgungen in Schleswig-Holstein, Hessen und Westfalen-Lippe. Laut Metzler Ratings tauchen bestimmte umstrittene Produkte gleich in vielen Portfolios auf: In die inzwischen aufgelösten Verius-Finanzierungsfonds für Immobilienprojekte hatten rund 50 Versorgungswerke und Kirchenkreise investiert.

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Warum verlieren Versorgungswerke so viel Geld?

Die Ursachen sind vielschichtig. Aus der Analyse von Metzler Ratings, der Berichterstattung und unserer eigenen Beratungserfahrung lassen sich fünf zentrale Gründe ableiten:

Metzler Ratings fordert deshalb einen einheitlichen Kennzahlenkatalog und mindestens so viel Transparenz, wie sie für Pensionskassen gilt. Dem können wir uns nur anschließen: Wer Pflichtbeiträge einzieht, sollte seinen Mitgliedern auch vollständig Rechenschaft ablegen.

Was bedeuten die Verluste für Ihre Rente aus dem Versorgungswerk?

Anders als bei einem privaten Versicherungsvertrag gibt es bei Versorgungswerken keine garantierte Rentenhöhe und keine Sicherungseinrichtung wie Protektor. Die Satzung kann in der Regel mit qualifizierter Mehrheit geändert werden. Verluste in der Kapitalanlage schlagen sich deshalb früher oder später bei den Mitgliedern nieder:

Zur Einordnung: Ein Totalverlust der Renten ist auch nach den aktuellen Skandalen sehr unwahrscheinlich, da Versorgungswerke laufend neue Pflichtbeiträge einnehmen und im Notfall Leistungen anpassen können. Genau das ist aber der Punkt: Das Risiko wird über Kürzungen und Beitragserhöhungen auf die Mitglieder verlagert. Warum die Versorgungswerksrente auch ohne Anlageflops nicht ausreicht, haben wir bereits im Beitrag Versorgungswerk-Renten in Gefahr – was tun? beschrieben.

So prüfen Sie Ihr Versorgungswerk

Auch wenn Sie Ihr Versorgungswerk in der Regel nicht wählen können, sollten Sie seine finanzielle Lage kennen. Diese Kennzahlen finden Sie in Geschäftsbericht oder Mitgliederrundschreiben – oder eben nicht, was ebenfalls eine Aussage ist:

Eine ausführliche Checkliste – etwa für den Fall, dass Sie bei einem Umzug oder Berufswechsel zwischen zwei Versorgungswerken wählen können – finden Sie unter Auswahl des „richtigen“ Versorgungswerks. Rechtsanwälte in NRW finden aktuelle Zahlen unter Versorgungswerk der Rechtsanwälte NRW: Aktuelle Rendite.

Was Mitglieder von Versorgungswerken jetzt tun sollten

Panik ist fehl am Platz, Untätigkeit aber auch. Die aktuellen Fälle bestätigen, was wir unseren Mandanten aus den Kammerberufen seit Jahren raten: Das Versorgungswerk ist die Basis, nicht die ganze Altersvorsorge für Ihren Ruhestand.

Keine freiwilligen Mehreinzahlungen ins Versorgungswerk!

Viele Versorgungswerke werben für freiwillige Zusatzbeiträge. Damit erhöhen Sie aber genau das Klumpenrisiko, das die aktuellen Fälle offenlegen: Ihr Geld landet im selben Topf, mit denselben Entscheidern und ohne Garantie. Hinzu kommt, dass die Versorgungswerksrente unflexibel ist – keine Kapitalauszahlung, keine freie Vererbbarkeit.

Rentenlücke ermitteln

Die Pflichtbeiträge und damit auch die Rente aus dem Versorgungswerk sind an die Beitragsbemessungsgrenze der gesetzlichen Rentenversicherung gekoppelt. Wer mehr verdient, hat schon deshalb eine Versorgungslücke – auch ohne Kürzungen und Inflation. Wie groß Ihre Lücke ist, berechnen Sie mit unserem Rentenlücken Rechner. Planen Sie dabei vorsichtig und unterstellen Sie für das Versorgungswerk eher eine geringere als die prognostizierte Rente.

Breit gestreut privat vorsorgen

Die wichtigste Lehre aus den Anlageflops lautet Diversifikation: nach Anlageklassen, nach Anbietern und nach Entscheidern. Für Mitglieder von Versorgungswerken bieten sich insbesondere an:

Arbeitskraft unabhängig absichern

Die Berufsunfähigkeitsrente des Versorgungswerks zahlt nur, wenn Sie Ihren Beruf überhaupt nicht mehr ausüben können. Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung leistet dagegen schon ab 50% Berufsunfähigkeit und ist von der Finanzlage Ihres Versorgungswerks unabhängig. Für Akademiker bieten wir aktuell eine BU Aktion mit nur fünf Gesundheitsfragen an.

Kindererziehungszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung sichern

Ein oft übersehener Baustein: Auch Mitglieder von Versorgungswerken können sich Kindererziehungszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung anrechnen lassen und so eine zweite, vom Versorgungswerk unabhängige Rente aufbauen. Wie das funktioniert, erklären wir unter Kindererziehungszeiten für Versorgungswerksmitglieder.

FAQs zu Verlusten bei Versorgungswerken

Ist meine Rente aus dem Versorgungswerk trotz Verlusten sicher?

Die Rente aus dem Versorgungswerk ist nicht garantiert. Ihre Höhe hängt von der Kapitalanlage, der Mitgliederentwicklung und der Lebenserwartung ab und kann per Satzungsänderung gekürzt werden. Ein vollständiger Ausfall ist sehr unwahrscheinlich, Nullrunden, Kürzungen und Beitragserhöhungen sind dagegen realistisch, wie der Fall der Berliner Zahnärzte zeigt.

Kann ich wegen der Versorgungswerk Verluste aus dem Versorgungswerk austreten?

Nein. Als Pflichtmitglied müssen Sie weiter Beiträge zahlen. Das Verwaltungsgericht Berlin hat klargestellt, dass Mitglieder ihre Beiträge auch dann nicht verweigern dürfen, wenn sie das Handeln ihres Versorgungswerks für rechtswidrig halten. Eine Rückkehr in die gesetzliche Rentenversicherung ist in aller Regel ebenfalls keine sinnvolle Alternative.

Wer beaufsichtigt Versorgungswerke?

Versorgungswerke sind Ländersache. Sie unterliegen nicht der Finanzaufsicht BaFin, sondern der Aufsicht des jeweils zuständigen Landesministeriums. Eine gesetzliche Pflicht zur vollständigen Offenlegung der Geschäftsberichte gibt es derzeit nicht.

Woran erkenne ich, ob mein Versorgungswerk betroffen ist?

Werfen Sie einen Blick in den Geschäftsbericht und die Mitgliederrundschreiben. Warnsignale sind eine Nettoverzinsung unter dem Rechnungszins, hohe außerplanmäßige Abschreibungen, ein großer Anteil illiquider Anlagen und ausbleibende Rentenanpassungen. Ein unvollständig veröffentlichter Geschäftsbericht ist zumindest ein Grund, nachzufragen.

Sollte ich freiwillig mehr in mein Versorgungswerk einzahlen?

In der Regel nicht. Freiwillige Mehreinzahlungen erhöhen Ihre Abhängigkeit von einer einzigen Einrichtung ohne Leistungsgarantie. Sinnvoller ist eine zusätzliche, breit gestreute private Vorsorge, etwa über eine Basisrente, Fonds oder eine vermietete Immobilie.

Reicht die Rente aus dem Versorgungswerk im Alter aus?

Für die meisten Mitglieder nicht. Die durchschnittliche Versorgungswerksrente liegt bei gut 2.000 EUR im Monat, ist durch die Beitragsbemessungsgrenze gedeckelt und bietet keinen sicheren Inflationsausgleich. Ihre persönliche Lücke ermitteln Sie mit unserem Rentenlücken Rechner.

Fazit: Nicht alle Eier in einen Korb

Die Verluste bei Versorgungswerken zeigen: Auch öffentlich-rechtliche Rentenkassen sind vor Fehlentscheidungen, Interessenkonflikten und Marktumbrüchen nicht gefeit. Für die große Mehrheit der Mitglieder ist die Rente nicht akut gefährdet – aber sie ist weniger sicher, als viele glauben. Wer als Arzt, Zahnarzt, Apotheker, Anwalt oder Steuerberater seinen Lebensstandard im Alter halten will, braucht ein zweites, unabhängiges Standbein.

  • Entscheidend ist eine breit gestreute private Altersvorsorge, deren Anlage Sie selbst nachvollziehen und steuern können. Das Versorgungswerk bleibt die Basis – aber eben nicht das ganze Haus.

Alle Hintergründe zu Vor- und Nachteilen der berufsständischen Versorgung finden Sie auf unserer Seite Versorgungswerk für Kammerberufe.

Altersvorsorge-Beratung für Kammerberufe

Wir beraten seit vielen Jahren Ärzte und Zahnärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer zu ihrer Altersvorsorge – und kennen die Stärken und Schwächen der Versorgungswerke aus eigener Mitgliedschaft. Gemeinsam ermitteln wir Ihre realistische Rentenlücke und entwickeln eine Altersvorsorgestrategie, die nicht von einer einzigen Einrichtung abhängt.

Oder nehmen Sie einfach per E-Mail Kontakt auf und senden Sie uns Ihr Anliegen mit zugehörigen Infos und Unterlagen. Unsere Kontaktdaten finden Sie unter Kontakt.

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Letztes Update:
Felix Czekalla
Autor: Felix Czekalla–Finanzberater, Wirtschaftsjurist
Als Triathlet und Handballer erbringe ich regelmäßig Höchstleistungen. Für meine Kunden laufe ich ebenfalls zur Höchstform auf. Gemeinsam erarbeiten wir passende Vorsorgekonzepte zu Berufsunfähigkeit, privater Krankenversicherung, Altersvorsorge und Investment.

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